Was wirklich zählt
- Anna

- 25. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Derzeit arbeite ich an drei Projekten gleichzeitig. Das klingt stressig – und ja, das ist es auch. Gleichzeitig liegt darin etwas wohltuend Abenteuerliches: abends am Schreibtisch zu sitzen, den Blick auf die alte Kirche vor dem Fenster gerichtet, während man gedanklich eigentlich in Schottland einem Poltergeist gegenübersteht.

Die Fortsetzung der Geschichte um das Puppenhaus und den Katzentroll Casimir McFarlane ist dabei nur eines dieser drei Projekte – wenn auch im Moment das aufregendste. Weitaus stärker beschäftigt mich jedoch das Trauerbuch, das ich vor mehr als sieben Jahren begonnen habe und dem ich mich bis heute nur zögerlich nähere. Zu groß ist die Angst vor dem tiefen Fall in Erinnerungen, vor der eigenen Trauer. „Die Toten soll man ruhen lassen“, heißt es. Aber ist es nicht ebenso wichtig, sie nicht sterben zu lassen, indem man sie nicht vergisst? Sich selbst nicht zu verlieren, indem man einen Weg findet, mit der Trauer, mit diesem furchtbaren „Nie wieder“, umzugehen?
Ich habe meinen Weg gefunden. Doch in meinem nahen und fernen Freundes- und Familienkreis sehe ich so viele kleine und große traurige Momente, dass ich denke: Mein „Rezept“ sollte auch anderen Trauernden zugänglich sein.
Im Zuge meiner Recherche tauche ich tief in unsere Familiengeschichte ein, blättere durch alte Fotoalben und werde von Erinnerungen überschwemmt. Es sind nicht nur Episoden oder Situationen – es sind Gerüche, Geräusche, winzige Momentaufnahmen, die plötzlich auftauchen, direkt ins Herz treffen und einen laut auflachen lassen, nachdenklich stimmen oder schlicht weh tun. Und doch greift das vielleicht zu kurz. Denn auf diesen Fotos sind nicht nur die Gestorbenen. Da sind wir: Kinder, Cousins und Cousinen, Mütter, Geschwister, Freunde – nur ein wenig jünger als heute.

Ich glaube, dass genau diese Menschen unsere eigentlichen Anker sind. Sie helfen uns, nicht zu ertrinken. Sie erinnern uns an unsere Aufgabe – eine Aufgabe, von der ich überzeugt bin, dass jeder Mensch sie bis zu seinem Abschied zu erfüllen hat. Sie machen uns stark, durch kleine Worte, Berührungen, Gesten, und stehen uns unvoreingenommen zur Seite. Viel zu oft nehmen wir das kaum wahr oder halten es für selbstverständlich. Doch das ist es nicht. Es ist der größte Schatz, die stärkste Kraft, die wir besitzen – und etwas, das man niemals gering schätzen sollte.
Ich liebe unsere Familienzusammenkünfte: laut, immer mit zu viel Essen auf dem Tisch und meist auch mit zu viel Wein. Es sind Feste der Fröhlichkeit, Feste der Nähe – wir feiern uns selbst und unser Miteinander.

Vielleicht schätze ich das heute besonders, weil ich in den vergangenen sieben Jahren wichtige Menschen verloren habe. Menschen, die für mich Wegmarken waren, an denen ich mich orientieren konnte. Dieser Kreis wird kleiner – und gerade deshalb unendlich wertvoll.
Wir erleben täglich Situationen, die uns überfordern, uns gegen die Wand stellen oder schlicht ärgern. Umso wichtiger sind die Beziehungen zu unseren Herzensmenschen – zu Familie und Freunden –, die uns immer wieder daran erinnern, was wirklich zählt.
Vielleicht ist genau das der Kern all dessen, worüber ich schreibe und nachdenke: Erinnerung als Verbindung, nicht als Last. Trauer nicht als Zustand, den es zu überwinden gilt, sondern als etwas, das sich wandelt, wenn man ihm Raum gibt. Sie bleibt, ja – aber sie verändert ihre Gestalt. Sie wird leiser, manchmal überraschend hell, manchmal schwer wie eh und je. Und doch trägt sie uns weiter, wenn wir lernen, sie nicht zu verdrängen, sondern mitzunehmen.
Ich glaube nicht an das Vergessen als Heilmittel. Vergessen löscht nicht den Schmerz, es verschiebt ihn nur. Erinnern hingegen kann weich machen. Es erlaubt uns, Nähe zu bewahren, selbst wenn jemand nicht mehr da ist. In Geschichten, in Gesten, in Eigenheiten, die wir unbewusst weitertragen. Vielleicht ist das unsere stille Art, Abschied und Fortgehen miteinander zu versöhnen.

Das Schreiben hilft mir dabei. Es ordnet, ohne zu glätten. Es erlaubt Widersprüche. Es lässt Platz für das Unfertige, das Zögerliche, für Fragen ohne Antworten. Manchmal schreibe ich mit zitternden Händen, manchmal mit einer Leichtigkeit, die mich selbst überrascht. Beides gehört dazu. Beides darf sein.
Und so sitze ich abends wieder am Schreibtisch, zwischen Poltergeistern, Puppenhäusern und alten Fotografien, und merke: Diese drei Projekte haben mehr miteinander zu tun, als ich anfangs dachte. Es geht immer um dasselbe – um das Festhalten und Loslassen, um das Weitergeben von Geschichten, um Nähe über Zeit und Verlust hinweg. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht ist es genau jetzt der richtige Moment, all das zusammenzuführen.
Nicht, weil ich fertig bin mit der Trauer. Sondern weil ich gelernt habe, mit ihr zu leben.



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