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Von Männerfreundschaften und Leichen

9. Sept.
3 Min. Lesezeit

auf nach #edinburgh


Es ist schlichtweg unmöglich, in Edinburgh nicht über Männerfreundschaften oder zumindest über ungewöhnliche Kombinationen zu stolpern. Und mal ehrlich: Was wäre die Welt ohne Jekyll & Hyde oder Harry Potter und Voldemort? Sie alle sind auf ihre ganz eigene Weise eng mit Edinburgh verbunden.

Bei meiner Recherche zu dieser Geschichte stieß ich auf eine weitere „Männerfreundschaft“ aus Edinburgh: William Burke und William Hare – eine ziemlich interessante, aber auch ausgesprochen gruselige Verbindung.

Im vorletzten Jahrhundert gab es ein Gesetz, das Ärzten erlaubte, an Leichen zu Studienzwecken anatomische Untersuchungen durchzuführen. Ich gehe davon aus, dass sich die Verstorbenen zu Lebzeiten damit zumindest einverstanden erklärt hatten oder dass es niemanden gab, der um sie trauerte und ihr Fehlen bemerkte. Dummerweise war der Bedarf an Leichen groß, während die Zahl der verfügbaren Körper eher überschaubar blieb.

So entwickelte sich schnell ein makabres und durchaus lukratives Geschäft. Zunächst grub man frisch Verstorbene ohne Wissen der Angehörigen wieder aus. Als die Friedhöfe weitgehend „abgegrast“ waren, griffen einige Beteiligte selbst zu Messer und Schlinge. Frischere Tote konnten Ärzte schließlich kaum bekommen.

Zu dieser Zeit herrschte große Armut – eine Armut, die man sich heute nur schwer vorstellen kann. Ich behaupte, dass nur wenige Menschen in unserer wohlhabenden westlichen Gesellschaft wirklich nachvollziehen können, was es bedeutet, nicht jeden Tag genug zu essen zu haben, verschmutztes Trinkwasser aus Brunnen schöpfen zu müssen oder keinen Kleiderschrank zu besitzen, weil man die wenigen Kleidungsstücke ohnehin am Körper trägt. Das Sozialamt war damals noch nicht erfunden.

Kriminalität gedeiht auf einem solchen Nährboden besonders gut. Das soll natürlich keine Entschuldigung für grausame Verbrechen sein, aber zumindest eine Erklärung dafür, warum manche Menschen auf die schiefe Bahn gerieten.


Zwei meiner Geister sind genau solche Kumpane.

Die Armut hat sie zusammengeschweißt. Vielleicht waren sie sogar miteinander verwandt. Gemeinsame Interessen – allen voran die Suche nach neuen Geldquellen – verbanden Eddie und Jacob. Es begann mit einfachen Diebstählen und endete schließlich hinter Gittern.

Die Strafen für Kapitalverbrechen waren zu dieser Zeit drakonisch. Das hielt allerdings nur wenige Menschen davon ab, sie trotzdem zu begehen. Natürlich könnte ein klügerer Kopf als ich jetzt einwenden, dass man sich eben einen ordentlichen Job hätte suchen können. Doch auch das war für Angehörige der unteren sozialen Schichten alles andere als einfach.

Die Bezeichnung „Tagelöhner“ sagt eigentlich schon alles: Jeden Tag aufs Neue musste Arbeit gefunden werden – auf Baustellen, im Hafen von Leith oder als Lastenträger. Die vorhandene Arbeit reichte längst nicht für alle, die sie dringend benötigten. Und so geriet man schneller auf die schiefe Bahn, als uns das aus heutiger Sicht vielleicht bewusst ist.

Eddie und Jacob passen ziemlich genau in dieses Muster. Und je schwieriger das Leben wurde, desto häufiger sahen sie sich anderweitig nach Verdienstmöglichkeiten um.

Burke und Hare, die realen Vorbilder meiner beiden Figuren, erging es ähnlich. Auch bei ihnen steigerten sich die Taten mit der Zeit immer weiter in ihrer Grausamkeit – und machten schließlich nicht einmal vor Kindern Halt.


Irgendwann kommt jedoch alles ans Tageslicht. Die beiden flogen auf, einer verriet den anderen und schließlich wurde einer von ihnen, William Burke, gehängt. Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet sein Körper diente anschließend einem Arzt als Anatomieobjekt. Sein Skelett kann heute noch im Edinburgh University Museum besichtigt werden. Es gibt sogar einen Film über die beiden Männer, der auf den üblichen Streamingportalen zu finden ist.


Zurück zu Eddie und Jacob.

Für die beiden habe ich lediglich Taschendiebstahl, Glücksspiel und Leichenraub in ihre Vita geschrieben. Alles andere erschien mir schlicht zu grausam. Wie sie gestorben sind? Das zu verfolgen, habe ich mir ebenfalls erspart. Entweder hatten sie ein allerletztes Date mit dem Henker der Stadt oder, was wahrscheinlicher ist, sind auch sie der Pest zum Opfer gefallen, fristen ihr untotes Dasein in der Edinburgher Unterwelt und gehen Mr. Boots mit ihrem lautstarken Würfelspiel im Pub gehörig auf die Nerven.


Auch wenn das vielleicht nicht jeder verstehen wird: Ich mag alle meine Figuren – auch die Gauner. Eddie und Jacob habe ich besonders ins Herz geschlossen und ihnen erlaubt, ihre langen Finger nach allerlei Kostbarkeiten auszustrecken.

Am Ende – ACHTUNG, SPOILER! – werden wir sehen, was aus ihnen wird.


Nächste Woche erscheint in diesem Blog weder ein Geist noch ein Mensch. Nur so viel möchte ich schon verraten: Es wird tierisch!


 
 
 

1 Kommentar

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Gundi
vor 7 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Sie sehen so nett aus - man kann sich diese grausamen Zeiten nicht wirklich vorstellen - oh je

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