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Haute couture des Mittelalters

vor 3 Stunden
3 Min. Lesezeit

Wie würdest du reagieren, wenn deine Nachbarn ihren Müll einfach auf die Straße werfen würden, statt einer Toilette einen Eimer benutzten und dessen Inhalt anschließend ebenfalls auf die Straße kippten?

Stell dir vor, dieses Vorgehen wäre für alle völlig normal – auch für dich.

Dann befändest du dich vermutlich im Mittelalter und hättest das passende Schuhwerk an den Füßen.


Je nach Größe des Geldbeutels bestünden deine Schuhe aus hochwertigem Leder oder aus zahlreichen Leder- und Stoffstücken, die ein sogenannter Flickschuster kunstvoll zusammengenäht hatte. Im Gegensatz zu den Schuhmachern war es diesen Handwerkern nicht gestattet, neues Leder zu verarbeiten oder gar Schuhe anzufertigen. Ihre Aufgabe beschränkte sich darauf, beschädigtes Schuhwerk zu reparieren und mit allerlei Flicken wieder tragbar zu machen.

Ob edles Leder oder kunstvoll geflickte Schuhe – ohne Trippen wagten sich wohl die wenigsten auf die Straße.

Diese hölzernen Unterschuhe schützten das eigentliche Schuhwerk vor dem Unrat auf den Straßen. In den Wohnhäusern wiederum bewahrten sie die Füße vor der Kälte, sobald man sich ein wenig zu weit von der wärmenden Feuerstelle entfernte.



Als Frostbeule und Schöngeist haben die Menschen des Mittelalters an dieser Stelle mein volles Mitgefühl: kalte Bude – na danke, Stofffetzen auf Holzsohle –


ich liebe meine modernen Schuhe und vermute, dass es den meisten modernen Menschen ähnlich geht.






Die Figuren meiner Geschichte gehören zur ärmeren Bevölkerungsschicht. Man kann also davon ausgehen, dass ihr Schuhwerk schon bessere Zeiten gesehen hatte. Dass es dennoch lange hielt und nicht irgendwann endgültig auseinanderfiel, verdankten sie vermutlich dem Geschick eines findigen Flickschusters.

Einer der Geister aus der Unterwelt Edinburghs ist der Cobbler, also der Schuster. Manche behaupten, er starre die Besucher der Ausstellung mit großen, ängstlichen Augen aus den Wänden heraus an. An besonders mutigen Tagen soll er ihnen sogar mit seinen kalten, spinnendürren Fingern die Füße betasten.

Gemeinsam mit Cold Hand Jack gehört er zum eher ängstlichen, dafür aber ausgesprochen freundlichen Teil der Geistergemeinschaft. Seine Werkstatt befindet sich in den Vaults unter der South Bridge. Gelegentlich sind dort Geräusche zu hören, die auf Schuhreparaturen schließen lassen. An manchen Tagen kann man in seiner Kammer sogar seine Silhouette sehen.

Allerdings vermute ich, dass solche Erscheinungen bei einem Angsthasen wie diesem Geist eher selten sind.


Vom historischen Geist zur Romanfigur

Bevor das Schreiben beginnt, steht erst einmal das Figurencasting an. Henry, wie ich ihn getauft habe, war mir von Anfang an sympathisch. Zugegeben, ich brauchte auch dringend einen Schuster für den ersten Geisterstreich, den Arthur und seine Familie erleben sollten.

Henry hatte, wie viele andere Handwerker unterschiedlicher Zünfte, seine Flickschusterwerkstatt in den Gewölben unter der South Bridge. Er war ein schweigsamer Mann, stets auf der Suche nach alten Lederstücken, die sich für seine Arbeit noch verwenden ließen.

Wie er ums Leben gekommen ist, weiß ich nicht. Ich hoffe allerdings, dass er eines Tages einfach friedlich eingeschlafen ist – und als Geist wieder aufwachte. Überrascht, vermutlich sogar zutiefst entsetzt, muss er sich unmittelbar danach in die Wände seiner Kammer zurückgezogen haben. Dass er ein paar Jahrhunderte später ins 21.Jahrhundert entführt wurde, hätte sehr wahrscheinlich den finalen Herzinfarkt ausgelöst. Aber nee, er ist ja schon tot.


Immerhin hat es mich überrascht, dass ausgerechnet der introvertierteste und höflichste Geist den Anfang machen und für allerlei Unsinn sorgen würde. Dabei war es keinesfalls seine Absicht, ganz im Gegenteil. Das weiche Leder, die exzellente Verarbeitung und die fehlende Alltagstauglichkeit der Schuhe bewundert er und irritiert ihn zugleich.


Was genau Henry ausheckt, kann ich an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten. Vielleicht findet ihr es ja im folgenden Short heraus.

Die anschließende Gardinenpredigt von Arthurs Mutter konnte ich bis an meinen Schreibtisch hören.


Dabei hatte Henry doch nur die besten Absichten!


Aber wie heißt es so schön? Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.

In diesem Sinne: Alles Gute und bis zum nächsten Blogbeitrag!

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