Geburtstag eines Geschichtenverkäufers
- Anna

- 2. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Einer meiner liebsten Buchhändler wird heute 75 Jahre alt – und das ist nun wirklich ein Anlass, der nach einer kleinen Laudatio verlangt.
Ich war noch ein Kind, als ich ihn und seinen Laden kennengelernt habe. Jeden Frühling zog es unsere Familie auf diese kleine Ostseeinsel – und der erste Weg führte, ganz selbstverständlich, zur Buchhandlung. Dummerweise kamen wir immer samstags an. Und samstags abends hatte der Laden geschlossen.

Aber damals war Warten noch absolut im Trend. Also standen wir vor der Auslage, studierten jedes einzelne Buch und trafen lebenswichtige Entscheidungen darüber, welche Lektüre strandtauglich war.

Das erste Buch, das ich dort gekauft habe, besitze ich übrigens noch heute. Ein kleines Stück Kindheit zwischen zwei Buchdeckeln.
Und auch Jahrzehnte später hat dieser Laden nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Wobei ich inzwischen zugeben muss: Ich komme nicht mehr nur wegen der Bücher, sondern auch wegen Andreas. Für einen Schnack. Für Erinnerungen. Für diese Gespräche, die sich anfühlen wie alte Fotos – leicht verblasst, aber immer noch mit dem Duft von Sonnencreme und Heckenrosen.


Und dann kam irgendwann der Moment, in dem meine eigenen Bücher auf seinem Ladentisch lagen. Neben seinen. Ich gebe zu: Ein kleines bisschen stolz war ich da schon.

Ohne Andreas gäbe es mein Insel-Pferde-Buch wahrscheinlich nicht – zumindest nicht in dieser Form.
Ob Cover, Preis oder die existenzielle Frage „mit oder ohne Leuchtturm“: Er hatte immer eine Meinung. Und meistens auch recht. Er verkauft es eben auch!
Bei unserem letzten Telefonat überraschte er mich mit wirkungsvollen wie auch ungewöhnlichen Tipps gegen meine hartnäckige Schreibblockade: Ein Apfel in der Schreibtischschublade, der langsam vor sich hingammelt – spätestens, wenn er anfängt zu riechen, ist die Blockade weg. Angeblich hat das schon bei Friedrich Schiller funktioniert.
Dann orientiere ich mich doch lieber an Hans Fallada, der bekanntlich besonders produktiv unter dem Einfluss von Absinth war – ein Ansatz, der mir persönlich allerdings etwas zu hochprozentig erscheint. Für „Kleiner Mann – was nun?“ war es wohl nötig.
Mir reicht trockener Sangiovese! Doch wie viel davon verträgt eine gute Geschichte? Der staubtrockene Kommentar im breitesten Sächsisch kam prompt: „Die Dosis macht das Gift“.
Lieber Andreas,

75 Jahre – das ist eine Menge Leben, eine Menge Bücher und, wie wir alle wissen, eine Menge kluger Sätze zur richtigen Zeit.
Ich wünsche Dir von Herzen Gesundheit, Humor und weiterhin diesen unverwechselbaren Blick auf die Dinge.
Und ich hoffe sehr, dass wir es in diesem Jahr endlich schaffen, gemeinsam auf der Insel anzustoßen – ganz in Ruhe, mit einem guten Glas und genauso guten Gesprächen.
Bis dahin danke ich Dir für all die klugen Gedanken, die ehrlichen Worte und die vielen besonderen Begegnungen, die bleiben.


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