Ein Geist geht baden – Doras Ausflug ins 21. Jahrhundert
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Die Geschichte der Prostitution ist mit Sicherheit so alt wie die Menschheit selbst. Unabhängig von Kultur, Religion oder Staatsform hat sich dieses Gewerbe über Jahrtausende hinweg erhalten und gilt gemeinhin als das „älteste Gewerbe der Welt“.
Aus dem Mittelalter kennen wir die Badehäuser. Hier tummelten sich die sogenannten Hübschlerinnen und boten ihre Dienste an. Ich mag mir allerdings nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es gewesen sein muss, mit zahlreichen anderen Menschen gemeinsam in einer Badewanne zu sitzen, dabei zu essen und zu trinken – und möglicherweise noch weitaus Intimeres zu tun. Nein, danke! Das wäre mir eindeutig zu wenig privat.


Damals jedoch gehörte all das zum gesellschaftlichen Leben. Einmal in der Woche ein Bad in duftendem Kräuterwasser zu nehmen, sich den Bart stutzen zu lassen, ordentlich zu essen und zu trinken, war ein besonderes Vergnügen. Nebenbei erfuhr man den neuesten Klatsch, Geschäfte wurden besprochen und auch die Flirterei – oder mehr – kam nicht zu kurz.
Die Hübschlerinnen stammten meist aus den ärmsten Bevölkerungsschichten.

Nicht der Spaß an der Freude, sondern vor allem die wirtschaftliche Not zwang viele Frauen dazu, ihren Lebensunterhalt auf diese Weise zu verdienen. Entsprechend niedrig war ihr gesellschaftlicher Status. Auch der Begriff „Hübschlerin“ steht im Zusammenhang mit der auffälligen Kleidung dieser Frauen. Ihr Merkmal waren farbenfrohe, auffällige Röcke und Blusen, während „gesittete“ Frauen wesentlich zurückhaltender und zugleich kostspieliger gekleidet waren.
Ein leichtes Leben hatten diese Frauen gewiss nicht. Und genau deshalb wollte ich ihrem Berufsstand mit einer Figur in meiner Geschichte ein kleines Denkmal setzen. So entstand Dora – eine Frau, die noch einen ziemlich großen Auftritt bekommen wird.
Dora ist ein Mädchen aus der Gosse. Ihr Vater ist unbekannt, ihre Mutter arbeitet im selben Gewerbe. Schon früh lernt Dora, wie man den Männern die Schillinge aus der Tasche zieht. Sie ist ein hübsches, dralles Ding, stets fröhlich, schlagfertig und alles andere als auf den Mund gefallen.

Meist hält sie sich in den düsteren Edinburgher Closes auf – so werden die engen Gassen und Durchgänge der Stadt genannt – und bietet dort ihre Dienste an. Abends trifft man sie in einer der zahlreichen Spelunken an, stets in der Hoffnung, unter den rauen Gesellen noch den einen oder anderen lukrativen Fang zu machen.
Hübschlerinnen wurden in der Regel nicht alt, und ich vermute, auch Dora ereilte ein früher Tod. Woran sie starb? Wer weiß?
Vielleicht wurde sie einem Freier zu aufdringlich. Vielleicht hatte es jemand auf ihren schmalen Geldbeutel abgesehen. Eine finstere Straßenecke, ein Messer, das kurz aufblitzt – und zack … wir wissen, wie solche Geschichten enden.
Was auch immer tatsächlich geschah: Dora wurde zum Geist und dazu verdammt, auf ewig durch die Unterwelt Edinburghs zu spuken.
Unglücklicherweise gehört auch sie zu den sieben „Auserwählten“, die man in das ewige Stundenglas sperren und anschließend dem Schattengrafen übergeben will.
Was mit einem Geist passiert, wenn er darin eingeschlossen wird, habe ich noch nicht herausgefunden. Nur so viel: Es muss jedenfalls fürchterlich sein. Sonst könnte es den Geistern ziemlich egal sein – schließlich sind sie bereits tot.
Dora flüchtet gemeinsam mit sechs weiteren Geistern in das heutige Edinburgh und landet bei der Familie Scott. Dort macht sie eine sensationelle Entdeckung: das Badezimmer!
Für uns moderne Menschen ist es völlig selbstverständlich, einen Wasserhahn aufzudrehen und uns die Hände zu waschen. Für jemanden aus dem Mittelalter jedoch muss Wasser, das einfach aus der Wand kommt – und dann auch noch warm! – wie ein wahres Wunder erscheinen.

Diese Szene zu schreiben, war für mich ein Riesenspaß. Hier konnte ich mich einmal so richtig austoben und die Puppen tanzen lassen. Ich produzierte ein überschwemmtes Badezimmer, leere Parfumflakons, verschmierte Schminke auf praktisch allem, was nicht schnell genug davonkam, und richtete ein fröhliches, nach Duschschaum duftendes Chaos an.
Eine meiner Figuren musste anschließend natürlich zum Aufräumen und Saubermachen antreten.
Das ist das Großartige am Autorendasein: Man kann überall dabei sein, jedes Chaos veranstalten, die unglaublichsten Katastrophen anrichten – und muss sich anschließend selbst nicht um die Folgen kümmern.

Für Dora jedenfalls war dieser Ausflug in unsere moderne Welt ein wunderbares Erlebnis. Ich fürchte, sie wird nur wenig Lust verspüren, in ihr mittelalterliches Geisterleben zurückzukehren.
Im nächsten Blogbeitrag lernen wir Eddie und Jacob kennen. Zwei Tagelöhner, die ebenfalls schon lange tot sind und ihre ganz eigene Geschichte mitbringen. Seid dabei und erfahrt, wie gruselig manche Jobs im Mittelalter waren und was die Leute taten, um an Geld zu kommen.



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