Cold Hand Jack - ein Kinderschicksal
Solltet Ihr Euch irgendwann einmal nach #Edinburgh verirren und mutig genug sein, an einer Führung durch Mary King’s Close teilzunehmen, wundert Euch nicht, wenn plötzlich eine eiskalte Hand nach der Euren greift.

Es ist Jack.
Ein harmloser, aber überaus ängstlicher Geisterjunge.
Wenn die Angst zu groß wird, läuft er zwischen den Besuchern umher und sucht eine Hand, nach der er greifen kann – in der Hoffnung, dass sie ihn nicht wegstößt.

Seine Angst ist nicht unbegründet. Jack ist einer der wenigen Geisterkinder dort unten und fühlt sich zwischen all den groben Gestalten ziemlich einsam. Dumm ist er keineswegs. Doch seine Eltern waren so arm, dass er niemals eine Schule besuchen und lesen lernen durfte. Umso mehr beneidet er seine Freunde Arthur und Georgie, zwei elfjährige Jungen, mit denen er sich anfreundet.
Eine Zeit lang lebt Jack bei ihnen. Schließlich gehört auch er zu den sieben Geistern, die in das ewige Stundenglas gesperrt werden sollen – und in der Welt der Lebenden sucht ohnehin niemand nach einem Jungen wie ihm.
Wie viele Figuren in meinem Buch ist Jack zugleich wahrhaftig und fiktional. Was genau ihm in seinem kurzen Leben widerfahren ist, kann ich deshalb nur erahnen. Seine Geschichte steht jedoch stellvertretend für das Schicksal vieler Kinder, die um das Jahr 1650 in Edinburgh lebten.
Die Lebensbedingungen waren hart.

Viele Familien lebten auf engstem Raum, unter miserablen hygienischen Verhältnissen und in bitterer Armut. Kinder mussten schon früh zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Und wenn die Pest durch die engen Gassen der Stadt zog, traf sie gerade diese Menschen besonders erbarmungslos.
Aber lassen wir Jack seine Geschichte selbst erzählen …
Mein Vater war Schreiner. Mit seinen Möbeln verdiente er gutes Geld und konnte damit meine Mutter und uns sechs Kinder ernähren. Unsere Werkstatt und unser Wohnhaus lagen direkt am Water of Leith, dem Fluss, der sich durch die Stadt schlängelt.
Es war eine wundervolle Zeit.

Meine Geschwister und ich spielten stundenlang am Ufer, angelten und badeten im Fluss. Doch dann erkrankte Vater schwer. Wenige Wochen später war er tot.
Wir mussten unser Zuhause verlassen und zogen in ein günstigeres Viertel, nicht weit von King’s Close entfernt.

Dort war es dreckig. Es stank bestialisch nach Abfall und Fäkalien. Doch der schmale Erlös aus dem Verkauf unseres Hauses ließ keine andere Möglichkeit zu.
Mutter nahm jede Arbeit an, die sie bekommen konnte, um uns einigermaßen über Wasser zu halten. Aber es reichte hinten und vorne nicht. Also mussten auch wir Kinder etwas verdienen.
Joey, mein älterer Bruder, war den ganzen Tag auf den Straßen unterwegs und sammelte Zigarettenstummel. Aus dem Tabak, den er daraus gewann, drehte er neue Zigaretten. Joan war gerade einmal sieben Jahre alt und verkaufte sie.
Ich putzte Schuhe, machte Botengänge und passte auf die Zwillinge Charlie und Ivy auf.
Peter, der Älteste von uns, arbeitete in einer Brauerei, bis eines Tages ein Fass seinen linken Arm zerquetschte. Danach wurde er griesgrämig und verschlossen. Er wollte uns nicht als Krüppel auf der Tasche liegen und begann deshalb mit dunklen Geschäften.
Er schmuggelte und stahl. Schließlich machte er sogar Geschäfte mit den zahlreichen Leichensammlern, die damals durch die Altstadt streiften.
Und dann zog mit der Pest das endgültige Unheil bei uns ein.

Charlie und Ivy bekamen hohes Fieber. Innerhalb einer Woche waren beide tot.
Mutter folgte ihnen wenige Tage später auf den Friedhof.
Auch ich kämpfte inzwischen mit hohem Fieber. Ich weiß noch, dass Mutter beerdigt wurde, während ich krank im Bett lag.
Als ich schließlich aus meinem Fieberschlaf erwachte, schien ich für alle anderen unsichtbar geworden zu sein.
Die Menschen gingen einfach durch mich hindurch. Niemand nahm mich wahr.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was geschehen war.
Seitdem streife ich durch die Gassen und suche nach meiner Mutter und meinen Geschwistern.
Doch scheinbar bin nur ich zu einem ruhelosen Geist geworden.
Nun versteht man vielleicht, warum Jack so ängstlich ist.
Und warum er nach jeder starken Hand greift, die sich ihm entgegenstreckt.

Er ist kein böser Geist. Kein Monster. Nicht einmal besonders unheimlich.
Er ist einfach nur ein kleiner Junge, der ein wenig Trost sucht.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum seine eiskalte Hand einem noch lange im Gedächtnis bleibt.
Am kommenden Mittwoch gehört die Geisterstunde dann Dora, einer Hübschlerin.

Sie ist nicht einmal halb so ängstlich wie Jack – dafür aber auch nicht annähernd so klug.
Also freut Euch auf die nächste Begegnung mit einem weiteren Bewohner aus der Welt zwischen Leben und Tod.
Bis dahin – und passt gut auf Eure Hände auf!



Liebe Anna, den Jungen möchte man doch einfach erlösen, umarmen und mit nach Hause nehmen :)
Puh, ich hatte absolut Gänsehaut, als ich gerade Jacks Geschichte gelesen habe. Ich bin so froh, nicht zur damaligen Zeit gelebt zu haben. Trotzdem finde ich das Zeitgeschehen totatl interessant und lese auch gerne darüber. Ich freue mich schon auf den 2. Teil des Puppenhauses.